«Jitz wird'sächli komplexer» - KI protokolliert im Grossen Rat

Nicole Aeby, Digital-Managerin Parlamentsdienste des Grossen Rates, im Interview mit Ka Schuppisser, Geschäftsstelle Digitale Verwaltung (GDV).
Die Parlamentsdienste des Kantons Bern setzen Mediaparl für die Protokollierung der Sitzungen des Grossen Rates bereits seit 2018 (!) ein. Was im Grossen Rat gesagt wird, nimmt Mediaparl als Audio oder Video auf. Ob Schweizer Dialekt oder Französisch, die Aufnahmen werden automatisch in Text umgewandelt und können dann im Web publiziert werden.Seit der Wintersession 2022 werden im Online-Tagblatt des Grossen Rates die Videoaufnahmen sowie die Protokolle und Abstimmungsergebnisse der Sessionen veröffentlicht.
Digital News: Welcher Teil von Mediaparl ist KI?
Nicole Aeby: Es ist die Spracherkennung. Die ist sehr intelligent. Sie lernt aus unseren Korrektureingaben und damit werden ihre Algorithmen gespeist und aktualisiert. Wir an der Basis merken gut, dass die Spracherkennung immer besser wird. Es ist wirklich eindrücklich, was sie in den letzten Jahren dazu gelernt hat.
Warum haben die Parlamentsdienste Mediaparl eingeführt?
Im Grossen Rat gab es immer mehr Kommissionssitzungen, aber die Anzahl der Protokollführenden blieb konstant. Die Vorgabe war deshalb, den Aufwand für die Protokollierung zu verringern. Deshalb wurde Mediaparl geprüft und für tauglich befunden. Tatsächlich haben wir dadurch massiv an Effizienz gewonnen.
Was sagen die Protokollführerinnen und Protokollführer des Grossen Rats zu Mediaparl?
Am Anfang waren sie verunsichert. Dies ist nachvollziehbar. Sie haben von der automatischen Transkribierung gehört und gedacht, «über kurz oder lang braucht es uns nicht mehr». Als Mediaparl dann eingeführt wurde, haben sie gemerkt: «Es braucht uns noch weiterhin». Konkret: So bleibt ihnen so das «Abtöggele» der Wortmeldungen erspart, das ja nie der spannende Teil der Arbeit war.
Seit neustem werden die Sessionsprotokolle des Grossen Rates im Online-Tagblatt publiziert. Daraus ist ein neues Aufgabenfeld entstanden. Diese neuen redaktionellen Gestaltungsmöglichkeiten wie etwa das Videoschneiden, empfinden viele Protokollführende als spannend und bereichernd.
Werden die Texte von Mediaparl überprüft, bevor sie veröffentlicht werden?
Ja. Es ist erstaunlich, wie die Spracherkennung das Berndeutsche direkt in die Standardsprache übersetzt. Die Qualität hängt allerdings auch von der Intonation, der Lautstärke und der Tonlage der Sprechenden ab. Wer zu nah am Mikrofon spricht oder wer zu leise redet, wird von der Software weniger gut erkannt. Es muss deshalb alles redigiert werden. Aber der Aufwand dafür wird kleiner, weil die Spracherkennung besser wird.
Nicht alle im Grossen Rat sprechen Berndeutsch. Gibt es Dialekte, die Mediaparl besser oder schlechter übersetzt, als andere?
Nein, denn Mediaparl war von Anfang an auf das Erkennen von verschiedenen Schweizer Dialekten spezialisiert. Die Firma recapp hat damit genau die Lücke geschlossen, die von den Tech-Giganten mit ihrer automatischen Spracherkennung noch nicht besetzt war. Angefangen wurde mit dem schwierigsten Dialekt, dem Walliserdeutsch. Und inzwischen stellt Mediaparl für jeden Kanton eine Spracherkennung für den jeweiligen Dialekt zur Verfügung. Bei uns ist das natürlich Berndeutsch, auch wenn es im Grossen Rat Personen hat, die aus anderen Kantonen kommen und deshalb einen anderen Dialekt als Berndeutsch sprechen. Wir haben nie festgestellt, dass deren Übersetzung schlechter ist. Die französische Sprache hat Mediaparl von Anfang an gut erkannt, weil sie nicht in eine schriftliche Sprache übersetzten musste.
Merci für das Interview. Möchtest du den Leserinnen und Lesern zum Abschluss noch etwas mitgeben?
Ganz unabhängig vom Effizienzgewinn finde ich es faszinierend, wie die Spracherkennung funktioniert und was dahintersteckt. Ich arbeite sehr gerne mit den Leuten von recapp zusammen, weil sie nahe am heutigen Stand der Forschung sind. Wir können in dieser Zusammenarbeit mitverfolgen, wie die künstliche Intelligenz immer schneller lernt, weil das Datenvolumen im Internet buchstäblich explodiert.
Zum Nachhören und zum Vergleichen
- Das Interview in voller Länge
- Das automatische Transkript des Interviews
- Die Produktion des Online-Tagblatts kurz erklärt (Ausschnitt aus dem Webinar von Recapp)